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07.06.2021

Lamas

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Seit Februar 2021 leben die beiden Alpaka-Lama-Mix-Wallache Harry und Socke auf unserem Hof. Schon lange hatten wir überlegt, Neuweltkameliden zu halten. Im Vorfeld hatten wir einen Basiskurs für die Haltung von Alpakas oder Lamas besucht, der uns in unserem Vorhaben bestätigte:

Im Prinzip sind es die idealen Weidetiere, wenn man genug Platz hat. Neuweltkameliden sind sogenannte Schwielensohler, das heißt sie haben statt Hufen oder Klauen stoßdämpfende Knorpelelemente an ihren Füßen, die mit einer dicken Lederhaut überzogen sind und an deren Ende sich zwei Zehen mit Zehennägeln befinden. Die Grasnarbe der Weidefläche wird durch diese Fußschwielen mehr geschont als bei Huftieren. Neuweltkameliden haben eine gespaltene Oberlippe und eine Kauleiste anstelle von Zähnen im Oberkiefer, wodurch sie sehr schonend für die Vegetation grasen. Die Pflanzen werden mit den Lippen abgezupft und nicht wie bei anderen Weidetieren ab- oder herausgerissen. Aufgenommenes Futter verwerten Neuweltkameliden effizienter als andere Wiederkäuer, begründet durch ihre ursprüngliche Herkunft aus kargen Gebieten im Hochland Südamerikas.

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Lama-Alpaka-Mixe Harry und Socke (© Nina Dittmann)

SIm Gegensatz zu Schafen, die wir über viele Jahre gehalten haben und deren oft grundloses Geblöcke uns und die Nachbarn teilweise empfindlich störte, hört man von Neuweltkameliden so gut wie keinen Mucks. In bestimmten Situationen geben sie eine Art Summen von sich, ansonsten sind es von Natur aus sehr neugierige, freundliche und ruhige Tiere. In ihrer Haltung sind Lamas und Alpakas recht unkompliziert. Eine Vergesellschaftung mit anderen Tieren, insbesondere mit Schafen, ist möglich, wenn auch auf kleineren Flächen nicht ideal, da Neuweltkameliden ihre Weide im Gegensatz zu anderen Wiederkäuern frei von Kot und Urin halten.
Da es domestizierte Tierarten sind, ist ihre Haltung grundsätzlich nicht genehmigungspflichtig. Bei entsprechender Sachkunde können sie als Hobby- und Freizeittiere also grundsätzlich von jedem gehalten werden, der über ausreichend Platz verfügt. In gewerblicher Haltung, zum Beispiel für die Durchführung von organisierten Wander- oder Trekkingtouren, gelten sie als Nutztiere und unterliegen neben dem allgemein gültigen Tierschutzgesetz auch den Bestimmungen der Tierschutz-Nutztierverordnung.
Für eine Lama- und/oder Alpakahaltung braucht man wie genannt viel Platz. Für zwei Tiere, die man mindestens halten muss, braucht man tierschutzrechtlich mindestens 1000 Quadratmeter Weidefläche. Eine Kombination aus Weide- und Offenstallhaltung (im Winter) kommt einer artgerechten Haltung am nächsten. Reine Stallhaltung ist nicht artgerecht und auch nicht erlaubt. Da Lamas jeden Tag sehr viel Grünmasse zu sich nehmen, empfiehlt es sich, weitere Flächen in Reserve zu haben und mit Wechselweiden zu arbeiten, um der Vegetation Zeit zur Erholung zu geben. Die Weide muss im Außenbereich mit einem ausreichend hohen Zaun gesichert sein. Für Alpakas wird eine Mindesthöhe von 140 cm, für Lamas eine von 160 cm empfohlen. Für feste Einzäunungen kommen vor allem Knotengitterzäune in Frage, Parzellen für das Weidemanagement kann man mit zwei bis vier Elektrolitzen abtrennen.
Benötigt wird außerdem ein wetterfester Unterstand mit mindestens zwei Metern Raumhöhe und mindestens zwei Quadratmetern Platz pro Tier. Die Schutzhütte sollte an zwei Seiten offen sein und einen befestigten Boden haben.
Eine mit Sand gefüllte Kuhle auf der Weide sollte auch nicht fehlen, da die Reinigung des Vlieses, wie das Fell auch genannt wird, über ausgiebiges Wälzen erfolgt.

In ihrer täglichen Versorgung sind Neuweltkameliden wenig anspruchsvoll. Die Futteraufnahme verläuft im Wechsel mit Phasen des Wiederkäuens über den ganzen Tag verteilt. Stundenlang grasen die Tiere, allerdings brauchen sie neben dem Frischfutter auch viele Rohfasern, was auf ihre Herkunft aus den Hochlagen Südamerikas zurückzuführen ist. Heu muss parallel immer ausreichend zur Verfügung stehen. Kraftfutter dagegen brauchen Lamas und Alpakas nur in ganz wenigen Ausnahmefällen, zum Beispiel wenn Stuten tragend sind, ein Fohlen säugen oder die Tiere aufgrund ihres Einsatzes auf Trekkingtouren oder in der Landwirtschaft einen außergewöhnlich hohen Energiebedarf haben. Frisches Wasser und eine Mineralstoffzugabe in Pulverform sowie ein Leckstein vervollständigen die Nahrungsliste. Brot oder Obst vertragen Neuweltkameliden nicht. Dankbar angenommen werden Zweige ungiftiger Bäume und Sträucher, an denen sie die Knospen und Triebe abknabbern und sich insbesondere am Kopf gerne scheuern.

Unsere beiden Lama-Alpaka-Mix-Wallache Harry und Socke stammen aus einem Therapiebetrieb für traumatisierte Kinder. Sie waren an Menschen, Hunde und andere Tiere gewöhnt und halfterführig, was nicht selbstverständlich ist. Das Training von Neuweltkameliden ist nicht ganz einfach. In den ersten etwa 12 Monaten dürfen Fohlen nicht verhätschelt, gestreichelt und aus der Hand gefüttert werden, ansonsten passiert es häufig, dass sie den Menschen als Teil ihrer Herde ansehen und als erwachsene Tiere Probleme bereiten (Berserk-Male-Syndrom). Das berüchtigte Anspucken, das im Normalfall nur untereinander stattfindet, ist da nur ein kleines Problem. Hengste und Stuten können Menschen schwer verletzen, wenn es um Futter oder vermeintliche Rangordnungskämpfe geht. Nicht selten gibt es ein böses Erwachen, wenn vermeintlich sanfte Tiere mit ihren großen Augen und den hübschen langen Wimpern gekauft werden, nach der Eingewöhnungszeit aber immer wieder unangenehme oder sogar gefährliche Verhaltensmuster auftreten, die man meist auch mit intensivem Training schwer oder gar nicht beheben kann.
Wir hatten schon länger nach Tieren gesucht, bei denen wir als Lama-Anfänger dieses böse Erwachen nicht erleben würden. Bewusst entschieden uns außerdem für zwei Wallache, die bereits vorher zusammen gehalten worden waren und für Kreuzungstiere. Neuweltkameliden sind Distanz- und Fluchttiere, sie mögen von Natur aus nicht gern angefasst, gestreichelt oder geputzt werden, erst recht nicht am Kopf oder an den Beinen. Lamas wurden im Laufe der Domestikation über Jahrtausende als Transport- und Lastentiere genutzt, was eine intensivere Selektion auf Umgänglichkeit mit sich brachte. Sie sind also von Natur aus weniger scheu als Alpakas, die hauptsächlich zu Wollproduktion gezüchtet wurden und daher oft nur losen Kontakt zu Menschen hatten. Lamas sind auf der anderen Seite deutlich größer als Alpakas und benötigen entsprechend mehr Futter, Platz und Sicherheit im Umgang. In den Kreuzungen sahen wir einen gelungenen Mix zwischen Größe und Zutraulichkeit und tatsächlich war es auch so: Als Freizeittiere und laufende Rasenmäher passen sie mit ihrer Schulterhöhe von etwa 100 cm und ihrem Gewicht von geschätzten 70 Kilogramm perfekt auf die große Wiese direkt hinter unserem Hof.

Harry und Socke sind ordentlich sozialisiert, betrachten sich nur untereinander als vermeintliche Rivalen und wenn aus Futterneid oder Eifersucht dann und wann gespuckt wird, dann ausnahmslos untereinander. Bei der Spucke handelt es sich um hochgewürgten Mageninhalt, der mehr oder weniger gezielt abgegeben wird und den Gegner abschrecken soll. Auf solch eine übelriechende Dusche kann man als Halter getrost verzichten!
Halftern ließen sich die Zwei von Anfang an problemlos, nachdem sie sich etwa zwei bis drei Wochen an uns und ihr neues Zuhause gewöhnt hatten. Dann und wann lassen wir sie mit Führstricken auf kleinen Rasenstücken außerhalb ihrer Weide grasen und jeden Tag wieder haben wir Spaß an der Beobachtung unserer ruhigen und entspannten Hofmitbewohner!

Gelesen 33 mal Letzte Änderung am 07.06.2021