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04.10.2016

Ganz schön borstig: Wollschweine

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Fast sehen sie aus wie Wildschweine – und sind doch gezüchtete Hausschweine: Die ungarischen Wollschweine, auch Mangalitzas genannt. Sie wurden Mitte des 18. Jahrhunderts gezielt aus osteurop. Landrassen gezüchtet um die steigende Nachfrage nach Fettschweinen zu decken.

Damals waren Schweineschmalz und fettes Fleisch noch gefragt, da es sich besser und länger auch ohne die heute üblichen Kühlmöglichkeiten hielt. Man züchtete Mangalitzas in mehreren Farben. Rot, Blond und Schwalbenbäuchig. Bis in die 1950er Jahre waren sie als Fleischlieferanten für Salamis, Wurst und andere Produkte mit viel Fett weit verbreitet. Es gab über eine Million Tiere, die meisten davon in Ungarn. Schon damals boomte das Exportgeschäft. Dann aber änderte sich der Verbrauchergeschmack unserer Wohlstandsgesellschaft hin zu magerem Fleisch. Fett war plötzlich verpönt und in der Konsequenz wurde die Tierart fast gänzlich ausgerottet. In den 80er und 90er Jahren gab es nur noch etwa 200 Zuchttiere der drei Wollschweinrassen weltweit! Keine Nachfrage, keine Daseinsberechtigung, könnte man meinen. Vor dem endgültigen Aussterben rettete es die Anfrage eines spanischen Fleischfabrikanten nach Wollschweinfleisch für die Produktion von hochwertigem Seranoschinken. Dank der genetischen Ähnlichkeit zum mediterranen Iberico-Schwein war das Überleben plötzlich wieder gesichert.
Heute haben sich die Bestände glücklicherweise erholt, es gibt mehrere tausend Wollschweine, die meisten davon nach wie vor in Ungarn. In Deutschland gab es 2015 nach einer Erhebung der Gesellschaft zur Erhaltung seltener Haustierrassen (GEH) etwa 250 Wollschweine, die meisten werden in Hobbyhaltung und/oder zur Selbstversorgung gehalten. Dennoch gelten Mangalitzas nach Einschätzung von Fachleuten weiterhin als „extrem gefährdet“.

Ganz schön borstig: Wollschweine
Ganz schön borstig: Wollschweine (© Nina Dittmann)

Wollschweine gibt es wie schon erwähnt in den drei Rassen Blond, Rot und Schwalbenbäuchig.
Am häufigsten zu finden ist das blonde Wollschwein, wie der Name schon vermuten lässt mit beigen lockigen Borsten. Rote Mangalitzas gibt es erheblich seltener. Schwalbenbäuchige Wollschweine haben einen schwarzen Rücken und einen beige-blonden Halsbereich bzw. unteren Rumpf. Man vermutet, dass sie aus einer Kreuzung zwischen schwarzem und blondem Mangalitza entstanden sind. Diese schwarzen sowie auch wildfarbene Mangalitzas sind leider inzwischen ausgestorben.

Alle drei Schweinerassen sind mit einer Widerristhöhe von 70-90 cm und einer Länge von 120-140 cm etwas kleiner als „herkömmliche“ Schweine. Der Kopf ist recht kurz und breit, die Ohren sind eher rund, verhältnismäßig groß und mit zunehmendem Alter hängend.
Generell ist die Reinrassigkeit der Tiere übrigens alles andere als selbstverständlich. Die wenigen Tiere, die es bis in die 90er Jahre nur noch gab, führten naturgemäß zu Verpaarungen innerhalb der drei Rassen, mit Wildschweinen und anderen (Haus-)Schweinerassen. Man sieht bis heute die abenteuerlichsten Kreuzungen: lange und kurze Schweinchen, dicke und dünnere, mit mehr oder weniger Fell, mit oder ohne Punkte und Flecken. Der züchterischen Experimentierfreudigkeit waren offensichtlich keine Grenzen gesetzt. Und auch Inzucht ist bei Wollschweinen ein Problem, denn oft sind die regional wenigen Tiere immer wieder miteinander verpaart worden. Nicht selten ist Unfruchtbarkeit der Mangalitzas eine Folge.
Bis 2010 gab es keinen einheitlichen Rassestandard, das heißt, dass eigentlich gar nicht feststand, wie das "ideale" Wollschwein auszusehen hat. Diese Standards wurden erst in den vergangenen Jahren durch (GEH) im Rahmen eines staatlich geförderten Projekts festgelegt. Inzwischen gibt es Rassemerkmale, Beurteilungsbögen, Zuchttierdatenblätter und dergleichen, die eine gute Basis für das kürzlich erst entwickelte Wollschwein-Zuchtbuch sind.
Mangalitzsas sind bestens für eine Freilandhaltung geeignet. Sie sind widerstandsfähig und stressresistent, können sowohl im Winter die Kälte als auch im Sommer die Wärme vertragen und sind leicht zu füttern.

Und auch wenn Mangalitzas zu den fettesten Schweinen der Welt gehören, wir mögen sie und setzen uns dafür ein, dass diese so wunderbaren Tiere nicht sang- und klanglos aussterben und mit ihnen ein einzigartiges genetisches Erbe verschwindet!

(Auszugsweise aus meinem Buch „Vom Glück, Schweine zu hüten“)

Gelesen 2536 mal Letzte Änderung am 03.11.2016

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